Stoppelfeld

Vor einiger Zeit veröffentlichte Sara Schulze auf Facebook folgenden Text:

„Wiederholt habe ich nun schon von Reitanfängern und Späteinsteigern oder auch freizeitorientierten Reitern gehört: „Wir möchten nicht Englisch reiten. Das ist hart und mit viel Druck und Kraft. Wir wollen klassisch Barock reiten. Das ist feine Reiterei!“ Viele würden sagen „Das sind ja keine Fachleute. Die haben keine Ahnung.“ Für mich sind das objektive Leute, die das Bild, was durch tierschutzwidrige Trainingsmethoden, mit denen man im Dressursport zum Erfolg kommen kann (Rollkur = learned unhelplessness), oder die Erfahrungen, die in Reitschulen gemacht wurden, unverblümt aussprechen. Vielleicht sollte man auch und gerade als Profi oder Sportreiter sich seiner Vorbildrolle bewusst sein und mal darüber nachdenken, ob man nicht ein anderes Bild vermitteln möchte. Allein schon der Satz „Der Schlaufzügel gehört in Profihände.“ macht mich wütend. Der Profi sollte keinen Schlaufzügel brauchen. Er sollte wissen, dass nur ein Pferd, das vertrauensvoll an die Hand herantritt, reell am Gebiss „abstoßen“ kann. Ein Pferd wird das mit einem Schlaufzügel niemals lernen! Ich selber habe mich auch schon auf der Suche nach einer noch feineren Kommunikation zum Partner Pferd in anderen Lagern umgeschaut (Western/Barock/horsemanship) und festgestellt, dass da auch nicht alles unbedingt besser oder harmonischer ist. Es gibt nicht die ultimative Reitweise oder Methode! Es gibt Leute mit Gefühl und Liebe zum Tier, die nach Harmonie in der Zusammenarbeit mit ihrem „Partner“ streben und Leute, für die Erfolg, Profilierung oder Profit an 1. Stelle stehen, was dann zu Irrwegen in allen Sparten führt. Generell sage ich aus meiner Erfahrung.. oberstes Ziel der Reiterei sollte die Losgelassenheit und Gesunderhaltung von Reiter und Pferd sein, aus der sich alles Weitere erarbeiten lässt (egal in welcher Sparte). Leichtheit der Hilfen und das Testen „mit wie wenig Aufwand komme ich aus“, sollten primäre Ziele in der Ausbildung sein, nicht höher, spektakulärer und schwerer. Nicht zu vergessen sind auch die Bedürfnisse unserer Pferde. Es handelt sich um feinfühlige soziale Herdentiere und sie brauchen den Kontakt zu Artgenossen und die Möglichkeit sich selbstbestimmt bewegen zu dürfen. Wir Menschen können das durch unsere Arbeit mit ihnen nicht ersetzen. Unser Ausbildungsstall Pegasus versucht solche Dinge sowohl den Auszubildenden als auch den Reitschülern zu vermitteln und vorzuleben. Das Pferd ist ein gleichwertiger Partner und kein Sportgerät! Es ist ein Geschenk, wenn uns diese Tiere vertrauen und gerne mit uns arbeiten möchten. Das sollten wir tagtäglich zu schätzen wissen.“

Ihr Pferliebten, auch ich habe mir dazu schon oft Gedanken gemacht und möchte ein paar davon hier mit euch teilen!

Letztens fuhr ein Geländewagen vor mir und ich musste sehr schmunzeln, da ein Aufkleber mit der Aufschrift „Ich bremse auch für Dressur-Reiter“ an der Heckscheibe klebte. Anscheinend war die Fahrerin wohl Western-/Spring-/Barock-Reiterin oder verfolgte welche Sparte auch immer der Kunst des Reitens. Wer weiß, vielleicht fährt sie ja auch Kutsche. 

Da ich die DVD „Nein zur Rollkur“ besitze, welche mit dazugehörigen Aufklebern verkauft wird, spielte ich kurz mit dem Gedanken bei der nächsten roten Ampel auszusteigen, um der Fahrerin anzubieten, dass ich ihr den Aufkleber per Post zukommen lassen könnte. Dieser würde sicherlich ideal zu ihrem anderen Aufkleber und ihrem Bild von einem Dressur-Reiter passen, denn eben diese reiten ihre Pferde bekanntermaßen ausschließlich in Rollkur-Haltung. Andererseits dachte ich mir, dass sie sich vielleicht einfach nur öffentlich vom Dressur-Reiten abgrenzen möchte oder das Ganze, worüber ich gleich zu sprechen kommen werde, auf die Schippe nehmen möchte.

Charly

Es geht mir nämlich um folgendes Phänomen: 

Selten ist mir so viel Intoleranz wie innerhalb der unterschiedlichen Disziplinen im Reitsport begegnet. Der Freizeitreiter verteufelt den Turnierreiter als Tierquäler oder wirft ihm vor den Partner Pferd nur als Sportgerät zu behandeln. Der Turnierreiter macht sich andersherum über den Freizeitreiter lustig, da er bloß im Gelände rumbummelt. Der Springreiter meint, dass Dressur-Reiten langweilig ist. Wer nicht reiten kann, fährt Kutsche. 

Oft habe ich solche oder ähnliche Aussagen zu Ohren bekommen. Ferner erscheint es mir mittlerweile auch regelrecht Mode geworden zu sein mit Halsring über eine Wiese zu galoppieren, um damit sein vermeintliches Vertrauensverhältnis zu seinem Pferd zu demonstrieren. Wer mit Sperrriemen oder Kandarre reitet, ist unter manchen Pferdebegeisterten beinahe der Teufel himself. Über Trainingsmethoden wird in epischer Breite philosophiert. Meist wird der eigenen Methode absoluter Vorrang eingeräumt wird, wo hingegen andere wiederum als falsch, dem Pferd schadend oder zweckfrei deklassiert werden.

Ich bin froh und sehe es als erstrebenswert an, wenn sich Diskussionen im Sinne eines fairen Umgangs mit dem Partner Pferd und besonders um dessen Wohlergehen entwickeln. Wichtig dabei ist jedoch, dass das Ganze auf einer sachlichen und auf Wissen fundierten Ebene stattfindet. Dieses Jahr habe ich nun seit 21 Jahren mit Pferden zu tun und in dieser Zeit sind mir die verschiedensten

Pferde, Trainer und Pferdemenschen begegnet. Von allen durfte ich viel mitnehmen und respektiere mit wenigen Ausnahmen alle.
Respekt, Toleranz, Offenheit, Neugier und Mut sind hier die Schlagwörter. Meiner Meinung nach sollten wir die Überzeugungen, ob es die Überzeugung Western oder Dressur zu reiten oder was auch immer es ist, respektieren und tolerieren. Außerdem mit einer gewissen Offenheit und Neugier an andere Art und Weisen der Kunst des Reiten herangehen und gegebenenfalls auch den Mut besitzen den eigenen herkömmlichen Usus über Bord zu werfen und sich auf etwas Neues einzulassen, was eventuell zu einem selbst und seinem Pferd „besser“ passt.

Ferner meine ich damit nicht, dass ihr euren Mund halten sollt, wenn ihr auf Dinge stoßt, die ihr nicht nachvollziehen könnt oder bei denen ihr der Ansicht seid, dass sie dem jeweiligen Pferd Schaden zufügen können. Sucht das Gespräch, wie bereits oben erwähnt, auf einer sachlichen Ebene auf.
Wie Harriet Jensen es treffend schreibt: „Dadurch, dass so viele Reiter die Hilfsmittel missbrauchen, die zur Verfügung stehen, entstehen Vorurteile und Meinungen, die wie in Beton gemeißelt scheinen. Mit mehr Toleranz und vor allem auch dem Willen, sich weiter zu bilden und seinen Horizont zu erweitern, eben um nicht mehr neunmalkluge Diskussionen führen zu müssen, wäre der Reitsport schöner“. 

Was ich schließlich damit zum Ausdruck bringen möchte ist, dass wir alle keine Meister sind und immer wieder voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern können. Dabei spielt es gar keine Rolle, welche Disziplin wir reiten. Seid für konstruktive Kritik dankbar und fühlt euch nicht persönlich angegriffen.
Es können alle Beteiligten nur gewinnen, sei es die Reiter durch ein friedvolles Miteinander als auch die Pferde, um die es hauptsächlich geht.

„We’re all wild flowers, waving underneath the sun!“ 🙂

Eure Alex

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